31. August 2018 – Art

Balthus

Mit der Ausstellung Balthus präsentiert die Fondation Beyeler einen der letzten grossen Meister der Kunst des 20. Jahrhunderts, der zugleich zu den singulärsten und kontroversesten Künstlern der Moderne zählt

La Rue, 1933 Öl auf Leinwand, 195 x 240 cm The Museum of Modern Art, New York, Vermächtnis James Thrall Soby © Balthus Foto: © 2018. Digital image, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florenz
Passage du Commerce Saint-André, 1952–1954 Öl auf Leinwand, 294 x 330 cm Privatsammlung © Balthus Foto: Robert Bayer
La Partie de cartes, 1948–1950 Öl auf Leinwand, 140 x 194 cm Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid © Balthus

In seinem facettenreichen und mehrdeutigen Schaffen, das ebenso Verehrung wie Ablehnung erfährt, verfolgt Balthus, mit vollem Namen Balthasar Klossowski de Rola (1908–2001), einen künstlerischen Weg, der alternativ, ja geradezu entgegengesetzt zu den Entwicklungen moderner Avantgarden und den gängigen Vorstellungen davon verläuft. In dieser Abkehr bezieht sich der exzentrische Maler auf eine Vielzahl kunsthistorischer Traditionen und Vorläufer, die von Piero della Francesca über Poussin bis hin zu Füssli, Courbet und Cézanne reichen. Zugleich sind bei näherer Betrachtung aber auch Impulse moderner Kunstbewegungen, namentlich etwa der Neuen Sachlichkeit sowie des Surrealismus auszumachen, in deren Kontext sich Balthus’ teilweise provokante Bildinszenierungen und damit die abgründige Dimension seiner Kunst einordnen lassen. In seiner beinahe als postmodern zu beschreibenden, grundsätzlichen Distanzierung von der Moderne entwickelt er jedoch zugleich seine ganz eigene Form von Avantgarde, die heute umso zeitgenössischer erscheint. Tatsächlich erweist sich Balthus als Künstler des Widerspruchs und der Irritation, in dessen ebenso ruhevollen wie spannungsreichen Werken Gegensätze aufeinandertreffen, die Wirklichkeit und Traum, Erotik und Unbefangenheit, Sachlichkeit und Rätselhaftigkeit sowie Vertrautes und Unheimliches auf einzigartige Weise verbinden. Insbesondere in dieser Kontrastsetzung kombiniert Balthus Motive der Kunsttradition mit Elementen populärer Kinderbuchillustrationen des 19. Jahrhunderts. So sind seine Bilder auch fortwährend von expliziten und impliziten Aspekten der Ironie durchdrungen und reflektieren und befragen nicht zuletzt auf diesem Weg darstellerische und ästhetische Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Kunst des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus. Paradoxe zeichnen auch die Person Balthus aus, der sich als Künstler in einem Gestus der Bescheidenheit a priori als «Handwerker» verstanden wissen wollte und zugleich die Pose und den Status des intellektuellen Aristokraten einnahm, der im engen Austausch mit grossen Philosophen, Literaten, Theaterleuten und Filmschaffenden seiner Zeit stand. So changierte sein langes, nahezu das gesamte 20. Jahrhundert durchlaufendes Leben fortwährend zwischen Askese und Mondänität.

Den Künstler verband eine enge Beziehung zur Schweiz. Er verbrachte seine Kindheit in Bern, Genf und Beatenberg, heiratete die Bernerin Antoinette de Watteville und lebte mit ihr in der französischen wie deutschen Schweiz. Im imposanten Grand Chalet in Rossinière verbrachte er schliesslich die letzten Jahrzehnte seines Lebens. Auch verband ihn seit den 1930er-Jahren eine tiefe Freundschaft mit Alberto Giacometti, den Balthus als Künstler überaus schätzte.

Die retrospektiv angelegte Ausstellung in der Fondation Beyeler ist die erste zu Balthus’ Werk in einem Schweizer Museum seit zehn Jahren und die erste umfangreiche Präsentation seines Schaffens in der deutschsprachigen Schweiz überhaupt. In ihr sind 40 zentrale Gemälde aus sämtlichen Schaffensphasen des Künstlers von den 1920er-Jahren bis in die 1990er-Jahre vereint, die gleichsam die Quintessenz von Balthus’ langem, dennoch aber nur rund 350 Werke umfassendem malerischen Œuvre vor Augen führen.

Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehören unter anderem Gemälde wie La Rue von 1933, das eine Pariser Strassenszene darstellt, in der rätselhafte Figuren wie auf einer Theaterbühne in ihren Posen erstarrt erscheinen. Dieser Stillstand, den Handlungen in Balthus’ Werken erfahren, wird auch in Les Enfants Blanchard von 1937 bildlich, das 1941 von Pablo Picasso erworben wurde, mit dem Balthus befreundet war. La Jupe blanche von 1937 ist das wohl schönste Porträt, das Balthus von seiner ersten Ehefrau Antoinette de Watteville gemalt hat. Le Roi des chats von 1935 ist eines der seltenen Selbstbildnisse, in dem sich der damals 27-jährige Balthus in einer selbstsicheren Haltung als eleganter Dandy mit Katze präsentiert. In Balthus’ Leben und Werk spielen Katzen eine wichtige Rolle. Immer wieder tauchen sie in seinen Gemälden auf, nicht selten als Alter Ego des Künstlers. Mit La Partie de cartes (1948–1950) zeigt die Fondation ein besonders spannungsgeladenes Werk, das nur selten ausgeliehen wird. Zu sehen ist auch das Porträt Thérèse rêvant von 1938, das in jüngster Zeit international Aufsehen erregt hat. Es ist eines der ersten und prominentesten Beispiele für Balthus’ charakteristische Darstellungen von Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, die eine schwer fassbare Spannung zwischen kindlicher Unbekümmertheit und verführerischer Erotik bergen. Im monumentalen Passage du Commerce-Saint-André (1952–1954) verdichtet sich in besonderem Masse Balthus’ intensive und weitreichende künstlerische Beschäftigung mit der Visualisierung von räumlichen wie zeitlichen Dimensionen und deren Verhältnis zu Bildfigur und -objekt – Grundaspekte von Balthus’ Œuvre.

Im Kontext ihrer Präsentation in der Fondation Beyeler bilden Balthus’ Werke als Vertreter einer gleichsam «anderen» Moderne einen regelrechten Kontrapunkt zu jenem Begriff der Moderne, der Ernst und Hildy Beyeler bei ihrer Sammeltätigkeit leitete, und erweitern und vervollständigen somit in gewisser Weise die Perspektive auf die moderne Kunst innerhalb des Museums. Obgleich Balthus nicht in der Sammlung des Ehepaars Beyeler vertreten ist, sind mehrere bedeutende Werke des Künstlers über ihre Galerie verkauft und vermittelt worden, darunter das skandalös-legendäre Gemälde La Leçon de guitare von 1934 sowie Jeune fille à la fenêtre von 1957 und die 1964 entstandene Version von Les Trois Sœurs.

Le Chat au miroir III, 1989–1994 Öl auf Leinwand, 220 x 195 cm Privatsammlung, Asien © Balthus

Aufmacherfoto: Balthus, 1948, Foto: Irving Penn, © The Irving Penn Foundation

Balthus, 2.September 2018 bis 1.Januar 2019

Fondation Beyeler, Beyeler Museum AG, Baselstrasse 77, CH-4125 Riehen