30. August 2017 – Art

Das Wort «Ataraxia» ist zweideutig, aber nie neutral. So wie die Schweiz zur Biennale in Venedig

Der Salon Suisse geht während der 57. Internationalen Kunstbiennale – La Biennale di Venezia mit ATARAXIA an diesem Wochenende in die zweite Runde. Aus dem Griechischen a für «nicht» und tarássein für «stören», wird das Motto konsequent weitergesponnen, zu Apathie

Salonnière : Koyo Kouoh

Ein komplexes Thema verlangt komplexe Erklärungen. Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia erklärt ihre Aktivitäten zur Biennale so: „Der «Salon Suisse» präsentiert ATARAXIA, das diesjährige Diskussions- und Veranstaltungsprogramm an der 57. Kunstbiennale von Venedig, das von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia zusammen mit der RAW Material Company aus Dakar parallel zur Ausstellung im Schweizer Pavillon organisiert wird und sich als Plattform für grundlegende Überlegungen zur zeitgenössischen Kunst versteht. Ausserdem bietet es Teilnehmenden die Möglichkeit, sich in entspannter Atmosphäre auszutauschen. Der «Salon Suisse» findet während der Eröffnungsveranstaltung und an drei langen Wochenenden statt. Das von Koyo Kouoh kuratierte Programm ATARAXIA macht es sich zum Ziel, die paradoxe Position der Schweiz in der aktuellen wirtschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Landschaft Europas und darüber hinaus zu verstehen und damit zusammenhängende postkoloniale Theorien zu reflektieren. Die Position der Schweiz als Nicht-Mitglied der Europäischen Union einerseits, aber wichtiger Motor und geografisches Zentrum andererseits, zeigt die in Europa herrschenden Paradoxe und Dissonanzen gängiger politischer Standards auf. Kouoh erklärt: «In einer Zeit, in der westliche Regierungen ihr Möglichstes tun, um so wenig wie möglich in Gesellschaft und Kultur zu investieren, müssen wir unseren Mitbürgern und Nachbarn zuhören. Wir müssen eine fü rsorgliche Politik betreiben und Brücken bauen, die politische, kulturelle und soziale Gräben überwinden. Das Programm sucht nach Möglichkeiten, wie das Gefühl zunehmender Ernüchterung in produktive und mutige Formen der Reflexion, Erfahrung und Reaktionen umgewandelt werden kann.»

ATARAXIA greift den Diskurs von Roland Barthes’ Essaysammlung «Mythen des Alltags» (1957) auf und befasst sich mit der Mythisierung der «Schweiz als Land ohne Probleme» und dem Unterschied zwischen Wahrnehmung und Realität dies es Konstrukts. Obwohl die Schweiz weltweit angeblich die höchste Konzentration an kulturellem Kapital besitzt, vermeidet sie weitgehend die Auseinandersetzung mit ihrer (Kolonial-)Geschichte der Moderne und stösst mit ihrer Staatsführung zunehmend auf politischen und moralischen Widerstand. Obwohl die Medien die Schweiz vorwiegend als unabhängiges Machtzentrum mit herausragenden Lebensstandards und einer «grünen» Wirtschaft darstellen, ist sie doch eigentlich eher ein Land, das die mit der Last der Nachbarschaft zu Europa verbundenen Probleme und damit der ehemaligen Kolonien auf seinen Schultern trägt. In Venedig wird ATARAXIA in einen weiteren Kontext gesetzt. Während der Biennale beherbergt Venedig neben der schrumpfenden Bevölkerung von rund 55’000 Einwohnerinnen und Einwohnern durchschnittlich 3000 Besucherinnen und Besucher pro Tag und wird zum Zentrum für Kapital und Sammler. Die Stadt hat somit quasi zwei Identitäten und steht im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Wirtschaft. Indem die Schweiz nach Venedig gebracht wird, stellt das Programm die Frage, wie wir als Teil eines grösseren Ganzen agieren können (wobei mit «Ganzem» sowohl die Biennale als auch Europa gemeint sein kann). Kouohs These und die Prämisse für ATARAXIA lauten: Die Art, wie die Schweiz und ihre kulturellen Institutionen ihr komplexes Erbe und ihre Positionierung reflektieren, ist der Schlüssel für eine verantwortungsvolle Entwicklung.“

Credits von oben nach unten:

Maurice Maggi, Summer Tavolota © Courtesy Maurice Maggi. Photos: Juliette Chrétien

Palazzo Trevisan degli Ulivi Copyright Pro Helvetia (2)

Koyo Kouho, Portrait, 2017, Photographer and credits: Antoine Tempé

CONSUME devised by Reza Afisina, Zoe Butt, farid rakun and David Teh for ATARAXIA, Salon Suisse 2017 (2)

 

Die nächsten Termine:

Salon Suisse Zwei: Donnerstag, 31 August bis Samstag, 2. September;

Salon Suisse Drei: Donnerstag, 19. Oktober, bis Samstag, 21. Oktober;

Salon Suisse Vier: Donnerstag, 23. November, bis Samstag, 25. November.

Ort: Der zweite Stock des Palazzo Trevisan degli Ulivi in Zattere ist im Besitz der Eidgenossenschaft, die dort das Schweizerische Konsulat beherbergt. Der von Pro Helvetia initiierte «Salon Suisse» findet seit 2012 im Hauptraum des Palazzos statt.

www.prohelvetia.ch